Erinnerungs-Flashback
Ich bin mir nicht schlüssig, was diese Flut an Erinnerungen ausgelöst hat…aber als ich am Dienstag abend von meinem Lieblingspunk zurück nach Hause gefahren bin, war ich total in einer Oli-Erinnerungsschleife gefangen. So tief, dass mir sogar ein paar Tränen über die Wangen gelaufen sind…vielleicht war es die Musik, die wir an dem Abend gehört haben. Die mich an ihn erinnert hat, weil es genau seine Musik ist.
Absichtlich ist, weil es die Musik ja noch immer gibt, ich sie immer noch mit ihm in Verbindung bringe.
Als es dann Donnerstag geschneit hat, war ich dann in einer komplett anderen Erinnerung gefangen: der Tag, an dem ich ihn nach Merheim in die Klinik gebracht habe. Auch an dem Tag hat es angefangen zu schneien. Ich habe ihn superfrüh morgens bei sich daheim abgeholt, hatte das Auto von meinem Bruder geliehen und wir sind dann im Schneckentempo nach Merheim rausgefahren. Totales Chaos, wie immer, wenn es das schneien anfängt.
Ich erinnere mich, dass ich eiskalte Füße hatte, weil meine Schuhe nicht ganz dicht waren und wir auf dem Klinikgelände durch Schnee stapfen mussten. Erst zur Anmeldung, dann auf die Station…
Ich war zum ersten Mal dort, aber damals noch längst nicht zum letzten Mal. Ich habe ihn oft besucht, viele Stunden dort mit ihm gesessen, geredet, geschwiegen, manchmal geweint, manchmal gelacht. Wir sind auch viel spazieren gegangen, er fühlte sich oft völlig eingesperrt, weil er doch eigentlich immer unterwegs war in seiner Stadt. Ich hab vermutlich keine realistische Vorstellung davon, wie oft er nachts durch Köln gelaufen ist, am Rhein gesessen hat…ein paar Mal habe ich ihn dabei begleitet, aber oft war ich nicht da oder hatte keine Zeit oder es war mal wieder eine dieser Phasen, in denen er sich nicht gemeldet hat.
Der erste Schnee ist seitdem meine Erinnerung an die Klinik und Oli. An meine so naive Hoffnung, dass er es diesmal schafft, dass er anfängt, die Sucht in den Griff zu kriegen. Dass er begreift, dass sich sein Leben ändern muss.
Die besten Gespräche in der letzten Zeit seines Lebens haben wir dort geführt. Vielleicht, weil er durch die ganzen Therapiegruppen und auch einfach durch die Situation selbst schon offener war als sonst.
Sind uns noch einmal näher gekommen, auch wenn das eigentlich gar nicht hätte sein dürfen. Aber schon damals habe ich das akzeptiert, habe mit den Menschen, die es betroffen hat, offen darüber sprechen können und Verständnis empfangen.
Ich habe kein Weihnachtsfest mit ihm verbracht, immer nur die Tage danach oder davor. Weihnachten - da war er bei seiner Familie, das war einfach so. Und das fand ich auch gut so. Ich kann mir nicht mal im Ansatz vorstellen, wie furchtbar das erste Weihnachtsfest ohne ihn für seine Eltern und seinen Bruder sein muss….
Silvester wird wieder ein wenig schwieriger werden, weil ich eines meiner schönsten Silvester mit ihm in Leipzig verbracht habe. Es hat einfach alles gestimmt - der Abend, die Leute, die Musik, der Ort, das Wetter…ich war einfach glücklich, das neue Jahr mit ihm begrüßen zu können.
now that I know what I’m without
you can’t just leave me
breathe into me and make me real
bring me to life